Im Jahre 1989 startete die Tour de France in Luxemburg. Damals gewann Acacio Da Silva die erste Etappe, und übernahm gleichzeitig das gelbe Trikot, das er während fünf Tagen trug.

Anlässlich des Auftaktes der Tour de France in Luxemburg haben wir uns mit ihm unterhalten.

Acacio wurde in Portugal geboren, und kam im Alter von sieben Jahren mit seinen Eltern nach Luxemburg. Sein Vater hatte 1968 dort Arbeit gefunden. Zum Radsport kam er durch seine Brüder. Gelegentlich fuhr er mit ihnen Rad. Da sie älter und stärker als er waren, fing er mit dem Training an um besser als sie zu werden.

1978 löste er seine erste Lizenz als Junior. 1979 gewann er ein Etappenrennen bei den Junioren in der Tschechoslowakei. Er bezwang alleine die Nationalmannschaften aus Polen, der DDR, der Sowjetunion und die Tschechen im eigenen Lande. Da es dies vorher noch nie gab, dass ein Rennfahrer aus dem Westen die Tschechen im eigenen Lande besiegte, dürfte die damalige tschechische Nationalmannschaft ein Jahr lang nicht ins Ausland reisen!

Hiermit war seine Karriere lanciert. Von 1980-1981 fuhr er als Amateur bevor er 1982 seinen ersten Profivertrag unterschrieb. Seine Karriere dauerte 13 Jahre lang. Er fuhr 10. mal den Giro d’Italia, 6 mal die Tour de France, 5 mal die Vuelta España und 7 mal die Tour de Suisse. Insgesamt brachte er es in seiner Karriere auf 53 Siege als Berufsfahrer. Seine Erfolge sind auf unseren Internetseiten unter Betreuung/Frühere Berufsfahrer nachzulesen.

Acacio, 13 Jahre sind bereits vergangen, 1989 hast Du das gelbe Trikot in Luxemburg übernommen. Welche Erinnerungen sind geblieben?
Dies war natürlich ein schöner Moment für mich da ich während 21 Jahren in Luxemburg gelebt habe. Die Portugiesen in Luxemburg haben mir damals einen tollen Empfang in meiner damaligen Heimat Düdelingen bereitet. Dies war auf der Etappe als die TDF Luxemburg wieder verlassen hat. Ich wurde im gelben Trikot gefeiert wie ein Staatspräsident.

War dies Dein schönster Moment in Deiner Karriere?
Nein, der schönste Moment war 1984 während des Giro d’Italia. Dort habe ich meine erste Etappe bei einem grossen Rennen gewonnen. Ich wollte irgendwann ein grosses Rennen gewinnen, und endlich hatte ich dieses Ziel erreicht. Dies gefiel mir so gut, dass ich ein paar Tage später noch eine Etappe gewann. Eine tolle Erinnerung habe ich auch noch an eine Bergetappe während des Giro d’Italia. Ich war mit Lucho Herrera dem kolumbianischen Kletterkünstler ausgerissen. Im Spurt am Berg habe ich ihn geschlagen und das Rosa Trikot übernommen.

Wie waren die ersten Jahre als Profi?
Verdammt schwer. Ich habe oftmals gelitten wie ein Tier. In meinem ersten Jahr als Profi bin ich gleich den Giro gefahren. Oh, mein Gott war das hart. Im ersten Profijahr habe ich ein Bergrennen in der Schweiz gewonnen. Im zweiten Jahr bin ich wieder den Giro gefahren, da ging es mit der Erfahrung vom Vorjahr schon etwas besser. Im gleichen Jahr, habe ich zwei Rennen gewonnen sowie die Berg- und Punktewertung bei der Tour de Suisse. Im dritten Jahr bin ich zu Malvor-Bottechia nach Italien gewechselt, und habe zwei Etappen im Giro gewonnen. Da war der Knoten geplatzt und es ging voran.

Du bist damals von Luxemburg in die Schweiz umgezogen.
Ja, von 1982 bis 1996 habe ich in Winterthur gelebt. Die Schweiz ist ein wunderbares Land.

Es gibt Menschen die der Meinung sind, dass Du eine noch bessere Karriere hättest machen können.
Dann sollen diese Kritiker selbst fahren und es besser machen.

Du hast lange in der Schweiz gelebt. Du hast die Tour de Suisse auf dem 2. 3. 5. 7. und 8. Platz beendet. Warum hast Du diese nie gewonnen?
Ich hätte sehr gerne die Tour de Suisse gewonnen. Da ich viele Jahre in italienischen Mannschaften gefahren bin, war der Giro natürlich wichtiger. Da die Tour de Suisse kurz nach dem Giro auf dem Programm stand, waren die Fahrer nicht immer bestens drauf und voll motiviert. Hätte ich einen Schweizer Pass gehabt, hätte ich die Tour de Suisse mehrmals gewonnen (er lacht). Immerhin habe ich 4 Etappen, zweimal den Bergpreis gewonnen sowie 14 Tage lang das Gelbe Trikot getragen.

Hast Du ein Vorbild als Rennfahrer gehabt?
Mein Landsmann Joaquim Agostinho und Luis Ocana. Beide waren Bergfahrer wie ich und haben viel am Berg attackiert. Als Joaquim Agostinho tödlich verunglückt ist, war dies ein grosser Schock für mich.

Welcher Radprofi hat Dich am meisten beeindruckt?
Bernard Hinault. Er war so stark, dass er allen anderen – egal wo – wegfahren konnte. Er war der König im Feld. Sein Wort hat gezählt. Er war mal richtig sauer auf mich gewesen. Heute haben wir ein gutes Verhältnis.

Wieso war er sauer auf Dich gewesen?
Dies war bei der Tour de Romandie. Er kam nach längerer Verletzung zurück. Ich habe am Berg angegriffen, er ist hinterher gekommen. Wir sind das gesamte Rennen zu zweit an der Spitze gefahren. Dann kam es zum Sprint. Beide wollten gewinnen und ich habe ihn im Spurt geschlagen. Am nächsten Tag kam ein Mannschaftskollege von ihm zu mir und hat mir mitgeteilt, dass er furchtbar sauer auf mich wäre. So war es halt, in der Schweiz wollte ich halt auch gewinnen. Ich bin öfters mit ihm unterwegs gewesen, war jedoch im Sprint schneller als er. Während der Luxemburg-Rundfahrt habe ich ihn auch mal um den Etappensieg geschlagen. Da ich ihm gelegentlich mit meinen Attacken Schmerzen zugefügt habe, hat er mich immer voll respektiert.

Welches ist Deine größte Entäuschung in Deiner Karriere gewesen?
Das war während der Tour de Suisse. Ich trug vor dem Zeitfahren das gelbe Trikot und wollte es behalten. Ich habe den Berg gut gekannt da ich dort schon mal gewonnen hatte. Ich bin jedoch völlig eingebrochen, vom 1. auf den 7. Platz zurückgefallen. Damals war mir wirklich zum weinen zumute. In der Gesamtwertung bin ich dann noch dritter geworden.

Mit welchem Kapitän bist Du am liebsten zusammen gefahren?
Mit Sean Kelly. Er war immer sehr menschlich, hat uns viel gelehrt. Ich habe heute noch viel Kontakt zu ihm. Er ist da, wenn Du ihn brauchst. Ich hatte vor 2 Jahren ein Rennen in Luxemburg organisiert und ihn dazu eingeladen. Er kam aus Irland nach Luxemburg um dabei zu sein, und wollte nicht mal seine Flugkosten erstattet haben.

Mit welchen früheren Rennfahrerkollegen hast Du heute noch Kontakt?
Wie gesagt mit Sean Kelly, Erich Mächler und Mario Chiesa. Mit Erich bin ich ab meinem ersten Profijahr in der gleichen Mannschaft gefahren. Einmal sind wir bei der Tour de France gemeinsam weggefahren. Er ist damals bei Carrera gefahren, ich bei KAS. Er hat das Gelbe Trikot übernommen, ich die Etappe gewonnen. Es war wirklich ein tolles Erlebnis. Mit Sean habe ich immer das Zimmer geteilt als wir in der gleichen Mannschaft gefahren sind. Mit Mario bin ich bei Carrera gefahren. Es gab mal ein tolles Foto während des Giro’s von uns beiden. Er im schwarzen Trikot als letzter der Gesamtwertung, ich im Rosa Trikot. Er ist heute einer der sportlichen Leiter bei Fassa Bortolo. Während der Ankunft des Giro’s vergangenen Monat in Luxemburg haben wir uns getroffen. Bei der Luxemburg-Rundfahrt vor ein paar Wochen bin ich mit ihm im Mannschaftswagen während der letzten Etappe hinter dem Rennen gefahren.

Besitzt Du eigentlich noch Souvenirs aus Deiner aktiven Zeit?
In der Schweiz hängen in einem Restaurant Fotos, ein gelbes Trikot der Tour, ein Rosa Trikot vom Giro, ein gelbes Trikot der Tour de Suisse und ein Bergtrikot der Tour de Suisse von mir. In Luxemburg habe ich noch ein gelbes Trikot der Tour. In meiner Wohnung in der Schweiz habe ich noch verschiedene Leadertrikots liegen. Alles andere habe ich an Fans verschenkt. Auch habe ich verschiedene Fotoalben und Zeitungsausschnitte die ich von Fans geschenkt bekam. Ich habe jedoch nie etwas gesammelt, weil ich darauf keinen Wert gelegt habe.

Was machst Du heute und was hast Du nach Deiner aktiven Karriere gemacht?
Von 1995 bis 1997 habe ich gut gelebt und mein Leben genossen. Man lebt nur einmal, oder? Ich bin in den drei Jahren viel herum gereist. Schließlich lernt man in all den Jahren viele Leute kennen. 1998 habe ich dann eine Baufirma in Luxemburg gegründet. Wir verkaufen und bauen Häuser und Wohnungen. Ich bin viel draußen bei den Arbeitern, und schaue mir täglich an wie die Arbeiten voran gehen.

Bist Du heute noch mit dem Radsport verbunden?
Nach meiner Karriere habe ich während einiger Jahren die VIP’S von Telekom bei der Tour de France betreut. Heute jedoch nicht mehr. Ich bin eigentlich nur noch selten bei einem Radrennen. Und wenn, dann greife ich nicht ein und will auch keine guten Ratschläge geben. Das sollen andere tun.

Steigst Du selbst noch auf’s Rad?
Eigentlich selten. Wenn Du dreizehn Jahre bei jedem Wetter fahren mußtest, bist Du nicht mehr sonderlich motiviert. Im Frühjahr fahre ich auf Mallorca als Gruppenleiter bei LUXCOM. Dies ist reiner Spaß, wir fahren von einer Terrasse zur anderen und genießen es.

Wodurch unterscheidet sich der Radsport der 80er Jahre vom Radsport in der heutigen Zeit?
Durch die Dopingproblematik und die besseren Vorbereitungen der Rennfahrer. Die beiden letzten Jahre meiner Karriere (1993/1994) habe ich bereits bemerkt, wie einige Fahrer regelrecht geflogen sind. Vorher wußtest du genau, dass du besser warst als sie, dass du sie am Berg stehen lassen würdest. Auf einmal haben sie dich stehen gelassen oder dir das Leben schwer gemacht. Dies war nicht normal. Vielleicht war ich die beiden letzten Jahre auch schon zu alt (er lacht). Als ich noch als Amateur fuhr, habe ich jeden Tag acht Stunden gearbeitet. Trainieren konnte ich erst abends. Damals gab es auch schon Fahrer die als Amateur nicht gearbeitet haben, und wie Profis gelebt haben. Heute ist dies undenkbar. Die guten Amateure fahren und leben heute alle unter Profibedingungen. Aus diesem Grunde, ist bei vielen Fahrern, wenn sie Berufsfahrer werden, keine Leistungssteigerung mehr möglich.

Was sagst Du zu Lance Armstrong?
Ich kenne ihn noch aus meiner aktiven Zeit. Wir sind immer gut miteinander ausgekommen. Damals war er viel lockerer als heute. Natürlich ist der Druck der heute auf ihm lastet ein anderer. Er hat damals schon gezeigt, dass er ein Klassefahrer ist. Sonst wäre er nicht mit 21. Jahren Weltmeister geworden.

Und zu Jan Ullrich und Erik Zabel?
Ah, Erik ein super Kerl. Wir sind noch zusammen gefahren und haben oft gemeinsam Spaß gehabt. Es freut mich für ihn, dass er so erfolgreich ist. Er hat es verdient. Wahnsinn, was er alles leistet. Von März bis Oktober in Form zu sein, das können nicht viele. Jan kenne ich weniger gut. Wir sind nur noch 1994 zusammen gefahren. Für ihn war es der Anfang, für mich das Ende. Ich hoffe, dass er nach seiner Verletzung wieder zurück kommt. Für den Rest sollen die Medien ihn mehr in Ruhe lassen und nicht so viel kritisieren.

Wer gewinnt die diesjährige Tour de France?
Ich sehe niemanden der Lance Armstrong schlagen könnte. Wenn er nicht stürzt oder krank wird, ist er der grosse Favorit. Vielleicht wird bei der diesjährigen Tour wieder ein junger Spanier entdeckt, der aus dem nichts hervorkommt. Beloki wird auch bestimmt vorne mitfahren. Vielleicht bestätigt Leipheimer seine gute Leistung aus der letzten Spanienrundfahrt und kommt auf’s Podium.

Acacio, wir danken Dir für das Gespräch.

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