Kim KirchenKurz vor seiner Abreise in ein zweiwöchiges Trainingslager haben wir uns mit Kim Kirchen unterhalten. Kim Kirchen ist 24 Jahre jung, Luxemburger und fährt seit 2001 beim Team Fassa Bortolo. Von 1998-2000 fuhr er als Nachwuchsfahrer in Italien bei der Sportgruppe „De Nardi“. Mit zwei vierten Plätzen bei der WM 1999 und 2000 hat er auf sich aufmerksam gemacht. Ausserdem hat er mehrere internationale Etappenrennen sowie Eintagesrennen in Italien gewonnen. Während der Saison 2002 hat er die Holland-Rundfahrt und die Berner-Rundfahrt für sich entschieden, sowie den 3. Platz beim Giro del Lombarda belegt. Ein Jahr davor gewann er sein erstes Rennen als Profi, eine Etappe der Luxemburg-Rundfahrt. Wir möchten Euch den bescheidenen Kim in einem Interview vorstellen.

Kim, wie bist Du zum Radsport gekommen?
Als Jugendlicher habe ich Fussball gespielt und bin auch nebenbei Rad gefahren. Sonntags morgens bin ich 40-50 km mit den Hobbyradlern aus unserem Dorf gefahren. Somit habe ich immer mehr Gefallen am Radsport gefunden. Fussball hat mir dann nicht mehr so gut gefallen wie das Radfahren. Mit 15 Jahren habe ich meine erste Lizenz gelöst. Ich muss dazu sagen, dass in meiner Familie Radsport immer ein Thema gewesen ist. Mein Vater ist ein guter Radamateur gewesen, er hat unter anderem zwei Etappen bei der Tour de l’Avenir gewonnen. Der Bruder meines Grossvaters hat die Tour de France zweimal als fünfter beendet. Nachdem ich als Junior gute Resultate erzielen konnte, bin ich mit 19 Jahren nach Italien gewechselt. Ich hatte ein Angebot einer Mannschaft in der bereits gute Voraussetzungen gegeben waren. Somit bin ich damals gleich in die harten internationalen Rennen gekommen und konnte mich mit den besten Fahrern messen. Nach drei Jahren als Amateur in Italien hat mich Fassa Bortolo kontaktiert. Dies war natürlich wie ein Traum für mich. Wir konnten uns dann auch einigen und los ging es.

Du bist die beiden letzten Jahre Mannschaftskollege von Michele Bartoli, Franceso Casagrande, Dimitri Konichew, Ivan Basso, Alessandro Petachi und Wladimir Belli gewesen. Was hast Du im Umgang mit diesen Top Fahrern gelernt?
Sehr viel. Diese Fahrer sind hundertprozentige Profis. Dies beginnt bei der Ernährung bis hin zur gesamten Einstellung. Ich dachte in den Jahren davor in Italien bereits viel gelernt zu haben. Als ich dann jedoch mit diesen Fahrern in Kontakt kam wurde mir bewusst, dass ich noch sehr viel zu lernen habe. Da die Ernährung sehr wichtig für uns ist wird hier nichts dem Zufall überlassen. Wenn wir z.b. um 10.00 Uhr zur gemeinsamen Trainingsausfahrt starten, ist es auch wirklich 10.00 Uhr und keine Minute später. Nach Ankunft im Hotel sitzt jeder Handgriff. Es darf keine wertvolle Zeit bezüglich der Regenerierung verloren gehen. Man muss schnell geduscht sein, um schnellstmöglich auf die Massagebank zu kommen oder sich im Bett auszuruhen. Bei unserem ersten Trainingslager kam ich mit einem vollen Koffer mit Radbekleidung an. Die erfahrenen Profis hatten ihren Koffer vielleicht halb gefüllt. Die Betreuer waschen unsere Kleider täglich. Nach dem Rennen oder Training stellen wir einen Kleidersack vor die Zimmertür, einige Stunden später haben wir die Kleidung wieder gewaschen und getrocknet zurück.

Wie werden die Jungprofis von diesen Stars empfangen?
Ich wurde bestens von ihnen aufgenommen. Dies sind ganz normale Menschen ohne Starallüren auch wenn sie grosse Rennfahrer sind. Früher wenn ich sie gesehen habe, dachte ich auch, dass sie unantastbar wären. Dies ist jedoch nicht der Fall. Mit ihnen redet man wie mit einem Schulkollegen.

Vor kurzem hast Du Deinen Vertrag bis 2005 bei Fassa Bortolo verlängert. Dies spricht dafür, dass die Mannschaft grosses Vertrauen in Dich hat.
Nach meinen guten Resultaten kam unser sportlicher Leiter Giancarlo Ferreti auf mich zu ob ich nicht bis 2005 verlängern möchte. Da das Angebot sehr gut war und ich mich in der Mannschaft wohl fühle, habe ich mich entschlossen zu unterschreiben. So bin ich erstmal in der heutigen schwierigen Zeit für einige Jahre abgesichert. Vor einigen Jahren habe ich nicht mal davon geträumt, dass ich eines Tages in einer der weltbesten Mannschaften fahren würde.

Was sind Deine persönlichen Ziel für 2003?
Ich möchte mich bei den Klassikern verbessern sowie Akzente bei meiner Ausdauer setzen. Ich werde dieses Jahr später für die Arbeit der Mannschaft eingesetzt werden, und nicht mehr am Anfang der Rennen wie in den beiden vergangenen Jahren. Bei den Klassikern muss ich Michele Bartoli unterstützen. Es bringt nichts wenn ich 200 km an seiner Seite fahre ihm jedoch nicht helfen kann. Wenn ich meine Ausdauer verbessere kann ich auch noch nach 200 km attackieren und Arbeit für den Kapitän verrichten. Ich fühle mich zur Zeit jedoch gut in dieser Rolle als Helfer. Ich bin noch nicht reif genug um mehr Verantwortung zu übernehmen.

Und die Ziele der Mannschaft für die kommende Saison?
Leider waren die Sponsoren mit der diesjährigen Saison nicht zufrieden. Wir haben 39 Rennen gewonnen, dies reicht nicht für eine Mannschaft mit unserem Potential. Wir haben bei den grossen Rundfahrten zu wenig erreicht. Bei den Klassikern müssen wir wenigstens so gut abschneiden wie in der vergangenen Saison. Basso wird sich auf die Tour de France konzentrieren, Dario Frigo und Aitor Gonzalez werden die Kapitäne während des Giros sein.

Wirst Du in dieser Saison eine von den grossen Rundfahrten bestreiten?
Ja, ich bin für den Giro vorgesehen. Bis jetzt hat mich unser sportlicher Leiter noch nicht bei einer grossen Rundfahrt eingesetzt da ich in seinen Augen noch zu jung war. Dies war sicherlich eine gute Entscheidung mich in dieser Hinsicht zu schonen. Ich werde auch viele Klassiker im Frühjahr bestreiten. Ich bin für den Het-Volk, Brüssel-Kurne-Brüssel, Fléche Wallone, Liege-Bastogne- Liege und Amstel Gold Race vorgesehen. Bei Mailand-San Remo bin ich zur Zeit als Reserve Fahrer vorgesehen, ebenso bei der Tour de Romandie und Tour de Suisse. Dies kann sich jedoch sehr schnell ändern.

In dieser Saison habt Ihr mit Michele Bartoli, Dario Frigo, Ivan Basso, Alessandro Petachi und Aitor Gonzalez mehrere starke Kapitäne in der Mannschaft. Glaubst Du nicht, dass Deine weitere Entwicklung hierdurch gebremst wird?
Nein, dies ist gut für mich wenn viele starke Fahrer in der Mannschaft vertreten sind. Ich fahre gerne für die anderen. Wenn ich vorne dabei bin und gute Beine habe, bekomme ich auch meine Chance. Bei den ganz grossen Rennen kann ich zur Zeit sowieso noch nicht siegen. Hierzu brauche ich noch einige Zeit.

Wie hast Du Dich im Winter auf die kommende Saison vorbereitet?
Ich habe bewusst nicht so stark trainiert wie vorherigen Winter. Ich habe doch bemerkt dass eine Saison von Februar-Okober ganz schön lang werden kann. Nach der Lombardei-Rundfahrt habe ich einen Monat Pause eingelegt. Ich habe viel zu Hause in meinem Haus gearbeitet, habe dieses anders eingerichtet. Ich bin oftmals im Kraftraum gewesen, dazu viel gelaufen und geschwommen. Man kann nicht immer auf dem Rad sitzen. Im Dezember bin ich auf Lanazrote gewesen. Lanzarote ist jedoch nicht optimal zum trainieren. Ständiger Starkwind, schweres Gelände und beschränkte Möglichkeiten was das Strassennetz betrifft. Nächsten Winter komme ich wieder nach Mallorca. Vor kurzem bin ich noch in St.Moritz zum Langlauf Training gewesen. Ich bin den gesamten Winter nicht krank gewesen, komme schnell in Form wenn es sein muss. Jetzt haben wir ein zweiwöchiges Trainingslager mit der Mannschaft in Italien.

Wie erklärst Du Dir, dass das kleine Luxemburg zur Zeit 5 Profis hat, wovon 4 in GS 1 Mannschaften fahren?
Dies ist super für uns. So hat man fast immer jemanden in Luxemburg zum gemeinsamen Training. Ich hoffe, dass dies noch lange anhält. Ich sehe in der Zukunft jedoch keine Probleme was Fahrer wie Benoit Joachim (US Postal) und Frank Schleck (CSC) betrifft.

Wie siehst Du die Zukunft des luxemburgischen Radsports?
Ich muss ehrlich gestehen, dass ich sehr selten zu Radrennen gehe. Es gibt auch noch andere Dinge im Leben. Ich verfolge dies jedoch in der Presse und kriege vieles über andere Fahrer mit. Wir haben mit Andy Schleck und Jempy Drucker zwei grosse Talente für die Zukunft. Wenn beide ernsthaft weiterarbeiten wie bis jetzt können sie es weit bringen. Andy ist ein ausgezeichneter Bergfahrer, Jempy fährt sehr gut Querfeldein. Ich gehe davon aus, dass er sich darauf spezialisieren wird. Wenn man Cross-Rennen in Belgien und Holland gewinnt wie er, spricht dies für seine Klasse.

Kim, wir danken Dir für das Gespräch und wünschen Dir viel Erfolg für die kommende Saison.

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