Die zurückliegende Saison verlief für Stephan Schreck sehr erfolgreich. Nicht nur, dass er im Frühjahr seine Arbeit bei den Klassikern, wie seine Mannschaftskollegen es von ihm gewohnt sind, ausgezeichnet verrichtete, sondern er fuhr auch im Laufe der Saison hervorragende Resultate heraus. Während seines Trainingslagers auf Mallorca haben wir uns mit ihm unterhalten.

Stephan, die Saison 2004 verlief erfolgreich für dich. Wenn du die Saison nochmals Revue passieren lässt, welches war deine schönste Erinnerung?
Die schönste Erinnerung ist zwei Etappen bei Etappenrennen gewonnen zu haben. Bei der Regio-Tour habe ich die erste Etappe sowie alle Bergwertungen gewonnen. Im Finale habe ich sogar Popovich aus meinem Hinterrad verloren, so stark bin ich gefahren. Einen anderen schönen Moment habe ich bei der Flandern-Rundfahrt erlebt. Steffen Wesemann ist gestürzt, worauf ich auf ihn gewartet habe und ihn wieder ans Feld herangefahren habe. Danach war seine Moral ziemlich im Keller gewesen. Ich habe ihn wieder aufgemuntert, er fuhr weiter und hat das Rennen gewonnen. Dies sind tolle Momente für einen Helfer wie mich.

Du hättest die Regio-Tour gewonnen wenn dein Mannschaftskollege Alexander Winokourov bei der 3.Etappe nicht um die Zeitgutschriften gesprintet hätte. Was kommt da für ein Gefühl auf, wenn man immer alles für seine Teamkollegen gibt und auf diese Art und Weise um den Sieg gebracht wird?
Winou ist halt der Kapitän und ich Helfer. Ich hätte natürlich sehr gerne gewonnen. Aber er als Kapitän hat das Recht zu sprinten, ohne nach mir zu schauen. Er hat in dem Moment gar nicht daran gedacht den Sprint zu gewinnen, er wollte eigentlich nur die Sprinter ärgern. Diese haben während einem kurzen Moment nicht reagiert und ihn fahren lassen. Somit hat er die Etappe gewonnen, die Zeitgutschrift geholt und mich aus dem Trikot gefahren. Nach dem Rennen tat es ihm auch leid, er wollte mir das Leadertrikot nicht abnehmen. Ich wünsche mir, dass er mir eines Tages bei einer anderen Gelegenheit zum Sieg verhelfen wird.

Wie sehen deine persönlichen Ziele für 2005 aus?
Die Klassiker im Frühjahr sind sehr wichtig. Werde die Flandern-Rundfahrt, Paris-Roubaix und Amstel-Gold Race bestreiten. Hier will ich gut fahren und mich ganz in den Dienst der Mannschaft stellen. Bei unserer Mannschaft kann es schon vorkommen, dass wir mit 5 Fahrern am Start stehen, die bereits ein Weltcup-Rennen gewonnen haben. Somit habe ich wenig Chancen etwas zu fordern, sondern muss mich ganz in den Dienst der Mannschaft stellen. Danach möchte ich zur Tour de France. Ich bin in dem 14 Mann starken Kader, der für die Tour vorgesehen ist, nominiert.

Das wäre natürlich eine prima Sache für dich in einer Mannschaft wie T-Mobile an den Start der Tour de France zu gehen.
Ja, auf jeden Fall. T-Mobile ist eins der weltbesten Teams. Es wird natürlich sehr schwer werden einen von den 9 Plätzen zu bekommen. Die Rolle, die ich übernehmen kann, können auch noch andere Fahrer übernehmen. Sollte ein Bergfahrer ausfallen, komme ich nicht in Frage ihn zu ersetzen. Sollten jedoch Jan Ullrich, Andreas Klöden und Alexander Winokourov gesund sein, wird es schwer für mich werden in die Mannschaft zu kommen. Für mich wäre es jedoch sehr schön die Tour mit Fahrern wie Ullrich, Klöden und Kessler zu fahren, mit denen ich mich auch privat sehr gut verstehe. Die Tour wäre eine große Herausforderung für mich.

Kann Jan Ullrich die Tour de France nochmals gewinnen?
Er ist der einzige, der Armstrong schlagen kann. Ich erlebe es jedes Jahr, wie er sich von Januar bis Juli entwickelt. Es ist ein Wahnsinn, wenn man mitbekommt, wie er immer besser in Form kommt. Er trainiert sehr hart, isst kaum noch etwas und wird stärker. Wenn ich zu sehr abnehme, werde ich schwächer, bei ihm ist es genau umgekehrt. Das liegt wohl an den Genen, über die Jan verfügt und die mir fehlen.

Du hast bisher deine gesamte Karriere bei Telekom/T-Mobile absolviert. Dies bedeutet, dass du dich in dieser Mannschaft und dem Umfeld sehr wohl fühlst?
Als ich von den Amateuren zu Telekom gewechselt bin, ging ein Traum für mich in Erfüllung in einer der weltbesten Mannschaften zu fahren. Hier ist alles perfekt organisiert, ich fühle mich sehr wohl und es gibt zurzeit keinen Grund zu wechseln. Mal abwarten, was die Zukunft bringt, wie ich mich weiterentwickele. Dort, wo man sich wohlfühlt, kommen die Resultate von selbst. Wenn ich ein gutes Angebot aus dem Ausland bekommen würde, müsste ich mir Gedanken machen. Sicherlich wäre es reizvoll ein anderes Umfeld und eine andere Sprache kennen zu lernen.

2005 wird die Pro-Tour eingeführt. Wie siehst du diese Ereignisse?
Die Idee ist sicherlich gut, jedoch noch nicht ausgereift. Man müsste eine Aufstiegs- und eine Abstiegsklausel einführen, damit kleinere Mannschaften auch die Chance bekommen sich hoch zu arbeiten. Für uns sind Rennen am Anfang der Saison, wie die Mallorca- Rundfahrt oder die Ruta del Sol, eigentlich uninteressante Rennen, da wir keine Pro-Tour Punkte sammeln können. Für kleinere Mannschaften sind dies jedoch wichtige Rennen und die Jungs geben alles. Ein Sieg ist immer schön, bei der Vertragsverhandlung sieht man jedoch, was der Sieg wert ist.

Stephan, wir bedanken uns für das Interview und wünschen dir eine noch erfolgreichere Saison als die vergangene.

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